Heraldik – Sprache aus Farbe, Form und Funktion
Was Heraldik eigentlich ist
Heraldik – die Wappenkunde – ist keine Kunstform im modernen Sinn und auch kein bloßes Dekorationselement. Sie entstand als praktisches Ordnungssystem. In einer Zeit, in der Helme Gesichter verdeckten, Uniformen unbekannt waren und Schlachtfelder unübersichtlich, musste Zugehörigkeit auf einen Blick erkennbar sein.
Ein Wappen sagte nicht:
„Schau, wie kreativ ich bin.“
sondern:
„Das bin ich. Das gehört zu mir. Und das erkennst du sofort.“
Diese Funktion ist der Schlüssel zum Verständnis von Heraldik – historisch wie gestalterisch.

Warum historische Wappen so einfach sind
Viele historische Wappen wirken aus heutiger Sicht erstaunlich schlicht:
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ein einzelnes Tier
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ein Kreuz oder Balken
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wenige Farben
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klare Flächen
Das ist kein Zeichen mangelnder Fantasie, sondern die direkte Folge ihres Einsatzzwecks. Ein Wappen musste:
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aus der Entfernung erkennbar sein
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auf Stoff, Holz, Metall und Pergament funktionieren
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schnell reproduzierbar bleiben
-
auch im Chaos lesbar sein
Detailreichtum war hinderlich. Gute Heraldik ist daher reduziert, nicht komplex.

Die heraldische Farbregel – der wichtigste Grundsatz
Damit Wappen ihre Fernwirkung behalten, galten früh feste Gestaltungsregeln. Die wichtigste davon ist die heraldische Farbregel.
Sie besagt:
-
Metall darf nicht auf Metall liegen
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Farbe darf nicht auf Farbe liegen
Dabei unterscheidet man:
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Metalle: Gold (Gelb) und Silber (Weiß)
-
Farben: Rot, Blau, Schwarz, Grün
Nur durch diesen klaren Kontrast bleibt ein Wappen aus der Distanz eindeutig erkennbar. Diese Regel ist kein ästhetisches Dogma, sondern eine funktionale Notwendigkeit – und einer der Gründe, warum Heraldik bis heute so klar wirkt.
Farben: Bedeutung – oder einfach Pragmatismus?
Farben werden heute oft mit festen Bedeutungen verbunden:
-
Rot – Kampf, Macht
-
Blau – Treue
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Schwarz – Ernst
-
Gold – Herrschaft
Historisch betrachtet ist das mit Vorsicht zu genießen. In der Frühzeit der Heraldik (12. Jahrhundert) hatten Farben oft keine festgelegte Symbolik. Man nutzte, was verfügbar war, sich abhob und gut funktionierte.
Entscheidend war nicht die „exakte Bedeutung“, sondern die klare Unterscheidbarkeit. Erst später – besonders in der Romantik – wurden Farben stärker symbolisch aufgeladen.

Heroldsbilder und gemeine Figuren
Heraldik besteht nicht aus freien Motiven, sondern aus einem begrenzten Vokabular. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Elemente:
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Heroldsbilder: Geometrische Teilungen und Formen wie Balken, Pfähle, Schrägbalken oder Kreuze
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Gemeine Figuren: Darstellungen aus der Natur oder dem Alltag, etwa Löwen, Adler, Rosen, Burgen oder Werkzeuge
Ein Wappen entsteht meist aus der Kombination beider Ebenen. Auch hier gilt: Nicht Realismus, sondern Erkennbarkeit ist entscheidend.
Zugehörigkeit statt Einzigartigkeit
Ein weit verbreitetes Missverständnis ist die Annahme, jedes Wappen müsse einzigartig sein. Historisch war oft das Gegenteil der Fall:
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Vasallen führten abgewandelte Herrenwappen
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Nebenlinien nutzten Farbvarianten oder kleine Zusätze
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Orden griffen bekannte Zeichen auf
-
Städte adaptierten regionale Motive
Diese bewussten Abwandlungen – die sogenannte Wappendifferenzierung – machten Verwandtschaft und Zugehörigkeit sichtbar. Heraldik zeigte Herkunft, nicht Individualismus.
Wichtige Ergänzung: Während heute moderne Wappenrollen (wie die Deutsche Wappenrolle des HEROLD) streng darauf achten, dass jedes neue Familienwappen einzigartig ist, war historisch oft das Gegenteil der Fall: Ähnlichkeit zeigte Zugehörigkeit.
Wandel statt Stillstand
Wappen waren nie statisch. Sie änderten sich:
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durch Heirat
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durch politische Umbrüche
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durch Machtwechsel
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durch bewusste Vereinfachung
Was wir heute als „historisch korrekt“ wahrnehmen, ist oft nur eine Momentaufnahme. Entscheidend war immer, dass das Zeichen funktionierte – nicht, dass es unverändert blieb.
Warum Fantasy-Heraldik oft scheitert
Viele moderne Fantasy-Wappen scheitern nicht an Ideen, sondern an Überladung:
-
zu viele Farben
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zu viele Symbole
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zu viele Bedeutungen
Ein Wappen ist kein Gemälde, sondern ein visuelles Erkennungszeichen – vergleichbar mit einem Logo. Wer versucht, alles gleichzeitig zu erzählen, verliert Lesbarkeit und Wirkung.
Heraldik und Brickania
Gerade im Kontext von Klemmbausteinen zeigt sich, wie zeitlos diese Prinzipien sind. Bedruckte Schilde, begrenzte Flächen und klare Formen erzwingen dieselbe Reduktion, die auch historische Heraldik geprägt hat.
Ein Löwe auf einem kleinen Schild muss als Löwe funktionieren, nicht als Illustration. Genau darin liegt die Stärke der Heraldik – und der Grund, warum sie so gut zu Brickania passt.
Kurzinfo: Warum die heraldische Farbregel in Brickania nicht immer strikt eingehalten wird
Ein Wort zur heraldischen Farbregel in Brickania
Die heraldische Farbregel ist ein bewährtes Prinzip – historisch wie gestalterisch. In Brickania kann sie jedoch nicht in jedem Fall strikt eingehalten werden. Der Grund ist kein theoretischer, sondern ein ganz praktischer.
Brickania wird primär mit LEGO-Minifiguren, bedruckten Schilden und vorhandenem Zubehör dargestellt. Diese Teile bringen feste Farb- und Motivkombinationen mit sich, die nicht beliebig verändert werden können. Da bewusst auf Eigenbemalung und Beklebung verzichtet wird, entsteht eine natürliche Grenze zwischen heraldischem Ideal und physischer Umsetzbarkeit.
Wichtig ist dabei:
Die Lesbarkeit und Wiedererkennbarkeit stehen weiterhin im Vordergrund. Wo die klassische Regel eingehalten werden kann, wird sie genutzt. Wo vorhandene Drucke davon abweichen, wird dies bewusst akzeptiert – zugunsten von Einheitlichkeit, Spielbarkeit und der modularen Idee von Brickania.
In diesem Sinne ist Brickania nicht regelbrüchig, sondern regelbewusst pragmatisch.
Fazit: Heraldik ist funktionale Gestaltung
Heraldik ist keine Zierde, sondern eine Sprache.
Sie funktioniert nicht über Detailfülle, sondern über Klarheit.
Nicht über Einzigartigkeit, sondern über Wiedererkennbarkeit.
Wer diese Prinzipien versteht, versteht auch, warum Heraldik – historisch wie in Brickania – genau so aussieht, wie sie aussieht.
Die historische Heraldik erklärt, warum Wappen so funktionieren, wie sie funktionieren: reduziert, wiedererkennbar und verwandt statt einzigartig. Diese Prinzipien bilden auch das Fundament der Gestaltung in Brickania – jedoch angepasst an eine Welt aus Klemmbausteinen, Spielmechaniken und erzählerischem Kontext.
Wie diese Regeln konkret in Brickania umgesetzt werden, warum bestehende Embleme bewusst aufgegriffen und variiert werden und weshalb Heraldik hier nicht nur Zierde, sondern Teil des Spieldesigns ist, wird im Hauptartikel ausführlich erläutert…
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